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Was ist AVWS?

Begriffsklärung

Eine AVWS liegt vor, wenn bei völlig intaktem peripherem Gehör, somit einem unauffälligen Tonaudiogramm zentrale Prozesse des Hörens gestört sind. (Nikisch, M, et al, 2006)

Ursachen und Häufigkeit

Die Ursachen einer AVWS sind noch weitgehend ungeklärt und vermutlich vielschichtig. Als mögliche Faktoren zeigen sich unter anderem genetische Dispositionen, eine verzögerte Hörbahnreifung, frühkindliche Hirnschädigungen sowie vorübergehende Schalleitungsschwierigkeiten und chronische Mittelohrentzündungen im Kleinkindalter. Die Effektivität der Behandlung dieser Entzündungen hat einen scheinbar signifikanten Einfluss auf die Ausbildung einer AVWS. (Hoffman-Lawless , K. et al, 1981)

Des Weiteren werden zusätzliche Umweltfaktoren wie unzureichendes auditives Angebot während der sensiblen Phasen der Hörbahnreifung als mögliche Gründe gesehen.

Die Häufigkeit von AVWS für das Kindesalter wird in der Literatur unterschiedlich eingeschätzt.  Manche Autoren sehen 2-3% aller Kinder betroffen, andere bis zu 15%. (Rosenkötter, H., 2003, S.81, 82)

Diverse Untersuchungen bestätigen ein Geschlechterverhältnis männlich: weiblich von 2:1. (Böhme, G., 2006, S.38).

Symptome

  • Sprachentwicklungsverzögerung
  • reduziertes Sprachverständnis
  • monotones Sprechen
  • kurze Sätze
  • vertauschen ähnlich klingender  Wörter (Äquator-Ecuador, dem-den)
  • Dyslalien/Lautfehlbildungen und Dysgrammatismus
  • eingeschränkter Wortschatz
  • inhaltlich von der Frage abweichende Antworten
  • reduzierte Merkfähigkeit akustisch vermittelter Informationen , wie beispielsweise von Arbeitsaufträgen, Reimen, Liedern,…
  • übermäßige Lärmempfindlichkeit: Die Schülerin/der Schüler fühlt sich durch Hintergrundgeräusche gestört.
  • Das Schulkind spricht in geräuschvoller Umgebung sehr laut.
  • Schwierigkeiten beim Richtungshören und beim Loklaisieren der Schallquelle können dadurch erklärt werden, wenn das Mädchen/der Bub   sich nicht oder verspätet dem Sprecher zuwendet.
  • schlechte Reaktionen in lauten oder halligen Räumen
  • verringertes Interesse an Geschichten und Liedern
  • allgemeine Verhaltensunsicherheit
  • viele Rückfragen, Vergewisserungsfragen
  • befolgt Aufforderungen nicht
  • schaut oft, was die anderen Kinder machen
  • in sich versunken – "Tagträumer"
  • Unkonzentriertheit und Desorientiertheit
  • verliert im Unterrichtsgespräch häufig den Faden
  • versteht Aufgaben besser bei zusätzlich optischer oder handlungsbezogener Darbietung
  • hat oft Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben
  • Die Schülerin/der Schüler zeigt beim Kopfrechnen deutlich schlechtere Ergebnisse als bei schriftlichen Rechenaufgaben, weil sie/er die mündlich gestellten Aufgaben nicht verstehen oder sich diese nicht merken kann.
  • langsames  Arbeitstempo
  • Bei Ansagen lässt das Schulkind mit AVWS  Wörter oder ganze Satzteile weg und vertauscht  ähnlich klingende Buchstaben oder Wörter.
  • Verhaltensauffälligkeit: Das Schulkind st aggressiv oder zieht sich zurück
  • Oft schalten Kinder mit AVWS während des Unterrichts nach einiger Zeit ab, da die hohe Konzentration, die sie fürs Hören benötigen  nicht auf Dauer aufrechterhalten werden kann.

Aufgrund unterschiedlicher Bewertungen der Auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung betreffend, ergeben sich auch unterschiedliche Definitionen von AVWS.

„Zentrale Prozesse, die u.a. die vorbewusste und bewusste Analyse, Differenzierung und Identifikation von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsveränderungen akustischer und auditiv-sprachlicher Signale sowie Prozesse der binauralen Interaktion [1] (z.B. Geräuschlokalisation, Lateralisation, Störgeräuschbefreiung und Summation) und der dichotischen Verarbeitung ermöglichen.“ (Ptok, M., et al, 2010) Es handelt sich dabei um ein Defizit in der Informationsverarbeitung. Die nonverbale Intelligenz muss mindestens im Durchschnitt liegen.

In der aktuellsten Überarbeitung des Konsensus Papiers 2010 wird die Definition wie folgt ergänzt: „Kann die gestörte Wahrnehmung akustischer Signale besser durch andere Störungen, wie z.B. Aufmerksamkeitsstörungen, allgemeine kognitive Defizite, modalitätsübergreifende mnestische (Beeinträchtigungen des Merkens und des Gedächtnisses) Störungen o.ä. beschrieben werden, sollte der Begriff AVWS nicht verwendet werden. Für das Vorliegen einer AVWS spricht, wenn sich durch normierte und standardisierte psychoakustische Tests Einschränkungen der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung nicht-sprachgebundener oder sprachlicher Signale nachweisen lassen.“ (Ptok, M., et al, 2010)

„Somit wird darauf eingegangen, dass  AVWS isoliert und in Kombination mit Störungen der visuellen oder anderen Wahrnehmungsbereichen einhergehen können. Es ist auch möglich, dass AVWS mit Aufmerksamkeitsstörungen oder Einschränkungen intellektueller Fähigkeiten kombiniert sind. In diesen Fällen muss im Rahmen der Diagnostik ermittelt werden, ob die auditiven Defizite einen bedeutsamen Schwerpunkt des Gesamtstörungsbildes einnehmen, nur dann soll die Bezeichnung AVWS gewählt werden.“ (Ptok, M., et al, 2010)

Klassifiziert wird AVWS in der ICD-10-Auflistung  unter F80.2 als Rezeptive Sprachstörung und bedeutet in  der Definition eine „umschriebene Entwicklungsstörung, bei der das Sprachverständnis des Kindes unterhalb seines Intelligenzalters angegebenen Niveaus liegt. In praktischen Fällen ist auch die expressive Sprache deutlich beeinflusst, Störungen in der Wort-Laut-Produktion sind häufig. Inkl.: angeborene fehlende akustische Wahrnehmung.“ (ICD-10-WHO, Version 2013)

[1]: Der Begriff „binaurale Interaktion“ beschreibt das Zusammenspiel der Verarbeitung der gleichzeitig an beiden Ohren (binaural) eintreffenden aksutsich-auditiv-sprachlichen Informationen.

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